eCall – Wir beantworten die 10 wichtigsten Fragen zum Notrufsystem im Auto

eCall – Wir beantworten die 10 wichtigsten Fragen zum Notrufsystem im Auto

Letzte Aktualisierung am 10. Januar 2024

eCall – Wir beantworten die 10 wichtigsten Fragen zum Notrufsystem im Auto

Bei einem schweren Unfall zählt jede Sekunde. Schnelles Handeln kann die Unfallfolgen mindern und oft sogar über Leben und Tod entscheiden.

Hier setzt das eCall-System an: Es stellt eine direkte Verbindung zu den Notrufzentralen her und ermöglicht so ein schnelles Eingreifen der Rettungskräfte.

Doch wie funktioniert der digitale Notruf? Was ist dabei zu beachten? Und welche Rolle spielt dabei der Datenschutz? All das erfahren Sie in diesem Ratgeber.

Richard Heijnsbroek

Richard ist Country Manager der MHC Mobility Österreich und beschäftigt sich seit über 20 Jahre mit geschäftlicher Mobilität, Autovermietung und Autoleasing

1. Was bedeutet eCall?

eCall steht für “Emergency Call”. Es handelt sich dabei um ein bordeigenes System, das bei einem schweren Verkehrsunfall automatisch einen Notruf auslöst oder manuell aktiviert werden kann.

Das eCall-System wurde von der Europäischen Union entwickelt, um die Reaktionszeiten der Rettungsdienste bei Verkehrsunfällen zu verkürzen. Seit dem 31. März 2018 ist es für alle neuen Pkw und Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht in der EU Pflicht.

Das eCall-Notrufsystem funktioniert europaweit einheitlich. Die Europäische Kommission geht davon aus, dass durch die Einführung von eCall die Zahl der Verkehrstoten jährlich um bis zu 10 % und die der Schwerverletzten um bis zu 15 % sinkt.

eCall Notruf-System für Rettungsdienste

2. Wie funktioniert das eCall-System?

Kommt es zu einem schweren Unfall, sendet das eCall-System automatisch einen Notruf an die nächstgelegene Notrufzentrale. Dabei werden wichtige Daten direkt übermittelt. Sind die Insassen in der Lage zu sprechen, kann das System auch eine Sprechverbindung herstellen.

Dies ermöglicht es den Mitarbeitern der Notrufzentrale, direkt mit den betroffenen Menschen zu kommunizieren, sie zu beruhigen, ihnen mitzuteilen, dass Hilfe unterwegs ist, und gegebenenfalls zusätzliche Informationen über den Vorfall zu sammeln.

Die eCall-Einheit funktioniert völlig unabhängig vom Rest des Fahrzeugs. Sie ist auch dann einsatzbereit, wenn die Fahrzeugbatterie leer oder Lautsprecher oder Mikrofon defekt sind.

3. Wann wird ein eCall ausgelöst?

Es gibt zwei Möglichkeiten, das automatische Notrufsystem eCall auszulösen. In beiden Fällen sendet das eCall-System einen Notruf über die europäische Notrufnummer 112 an die nächstgelegene Rettungsleitstelle. Welche Behörden für die Entgegennahme der 112-Notrufe zuständig sind, ist von Land zu Land unterschiedlich geregelt.

In Österreich wird der eCall von den Landesleitzentralen der Polizei in den jeweiligen Bundesländern entgegengenommen. Das dortige Personal ist professionell darauf vorbereitet, die Schwere eines Unfalls anhand der Angaben der Beteiligten in deutscher und englischer Sprache einzuschätzen.

Automatische Auslösung

Das System erkennt schwerwiegende Ereignisse und reagiert automatisch, z. B. wenn die Crash-Sensoren des Fahrzeugs einen Aufprall registrieren und Sicherheitseinrichtungen wie Airbags aktiviert werden.

Manuelle Auslösung

Neben der automatischen Aktivierung können die Fahrzeuginsassen den eCall auch manuell auslösen. Hierfür ist eine SOS-Taste im Fahrzeuginnenraum vorgesehen. Diese Taste kann z. B. beim Beobachten eines anderen Unfalls, bei medizinischen Notfällen oder anderen Gefahrensituationen, in denen schnelle Hilfe erforderlich ist, betätigt werden.

Ein manueller eCall-Notruf sollte nur bei Unfällen mit Verletzten oder bei medizinischen Problemen wie einem Herzinfarkt erfolgen. Diese Anrufe gelten für die Notrufzentrale nämlich als besonders dringend.

eCall Manueller Notruf

4. Welche Daten erhält die Notrufzentrale?

Wenn das eCall-System ausgelöst wird, sendet es einen sogenannten Mindestdatensatz (MSD für Minimum Set of Data) an die nächstgelegene Notrufzentrale. Dieser Datensatz liefert den Rettungskräften schnell und präzise die notwendigen Informationen, ohne die Privatsphäre der Fahrzeuginsassen unnötig zu gefährden.

Die übermittelten Daten umfassen:

  • den Zeitpunkt des Unfalls
  • die Position des Fahrzeugs
  • die Fahrtrichtung (wichtig auf Autobahnen und in Tunnels)
  • die Antriebsart des Fahrzeugs
  • die Anzahl der angegurteten Personen im Fahrzeug
  • die Fahrgestellnummer
  • die Service-Provider-ID
  • die Information, ob der Notruf manuell oder automatisch abgesetzt wurde (eCall Qualifier)

Durch den Aufbau einer Sprechverbindung hat der Einsatzkoordinator die Möglichkeit, direkt mit Unfallopfern (oder Zeugen) in Kontakt zu treten und weitere Details zum Unfallgeschehen, wie z. B. Verletzungen, zu erfragen. Dies ermöglicht es den Rettungskräften, noch gezielter auf den Einsatz zu reagieren.

5. Gibt es Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes?

Das eCall-System übermittelt zunächst nur einen minimalen Datensatz. Dieser enthält für die Einsatzkräfte wesentliche Informationen wie Unfallort, Fahrzeugtyp und Fahrtrichtung. Persönliche Daten der Fahrzeuginsassen sind nicht enthalten. Wichtig ist auch zu betonen, dass das System nur im Falle eines Unfalls oder bei manueller Betätigung des SOS-Knopfes Daten überträgt. Eine kontinuierliche Überwachung oder Datenübertragung findet nicht statt.

Die an die Einsatzzentrale übermittelten Daten werden entsprechend den geltenden Datenschutzbestimmungen nicht dauerhaft gespeichert. Die Löschung der Daten erfolgt nach Abschluss und Bewertung des Einsatzes, spätestens jedoch 18 Monate nach dem Unfall.

6. Ist der SOS-Knopf im Auto Pflicht?

Ja, das eCall-System ist seit dem 31. März 2018 per Verordnung für alle Fahrzeugtypen der Klassen M1 und N1 (Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht) in der gesamten Europäischen Union Pflicht.

Dies betrifft jedoch nur neu zugelassene Automodelle.

7. Muss ich mein Fahrzeug umrüsten?

Nein, das müssen Sie nicht. Wenn Sie nach dem 31. März 2018 einen Neuwagen in einem EU-Land gekauft haben, können Sie sich darauf verlassen, dass dieser bereits vom Hersteller mit eCall ausgestattet wurde. Für Fahrzeuge, die vor diesem Datum zugelassen wurden, ist keine Nachrüstung erforderlich. Sie können sich aber freiwillig für eine Nachrüstung entscheiden.

Viele Hersteller und unabhängige Dienstleister bieten entsprechende Nachrüstsätze an. Ob Ihr schon länger genutztes Fahrzeug die Voraussetzungen für das System erfüllt, erfahren Sie in Ihrer Werkstatt oder direkt beim Fahrzeughersteller.

Die Vorteile einer Nachrüstung sind mannigfaltig: Sie profitieren nicht nur von mehr Sicherheit im Straßenverkehr, sondern auch von einer möglichen Wertsteigerung Ihres Fahrzeugs. Moderne Sicherheitssysteme sind bei Käufern teilweise sehr gefragt und können sich positiv auf den Wiederverkaufswert Ihres Autos auswirken.

8. Mit welchen zusätzlichen Kosten ist zu rechnen?

Die Nutzung des eCall-Dienstes ist in der Regel mit keinen zusätzlichen laufenden Kosten verbunden. Die Notrufnummer 112 kann in der gesamten Europäischen Union und in einigen anderen Ländern kostenlos angerufen werden. Dies gilt sowohl für Festnetz- als auch für Mobiltelefone, selbst wenn kein Guthaben vorhanden ist.

Die kostenlose Verfügbarkeit dieser Nummer soll sicherstellen, dass im Notfall jederzeit und ohne Hindernisse Hilfe angefordert werden kann. Für die SIM-Karte selbst fallen keine Grundgebühren an und die im Notfall übertragenen Datenmengen sind minimal.

9. Wo kann ich eCall nutzen?

In allen EU-Mitgliedstaaten. Das System basiert nicht auf schnellen Datenverbindungen, sondern nutzt die weitverbreitete GSM-Technologie. Dadurch funktioniert eCall auch bei minimaler Signalstärke. Grundsätzlich nutzt der eCall-Notrufdienst bei einem Autounfall immer das Mobilfunknetz mit dem stärksten Empfang, um eine Telefonverbindung zur Rufnummer 112 herzustellen.

Inzwischen haben auch einige Nicht-EU-Länder Interesse bekundet und erwägen die Einführung eigener eCall-Systeme. Beachten Sie jedoch, dass außerhalb der EU andere Standards und Protokolle gelten können. Wenn Sie vorhaben, mit Ihrem Fahrzeug in ein Land außerhalb der Europäischen Union zu fahren, sollten Sie sich vorher erkundigen, ob und wie eCall dort funktioniert.

eCall EU Mitgliedstaaten
eCall EU-Grenzübergang

10. Gibt es Alternativen zum eCall-System?

Neben dem von der Europäischen Union entwickelten eCall-System stehen auch Lösungen von Drittanbietern zur Verfügung. Diese werden als “TPS-eCall” oder “Third Party Service eCall” bezeichnet. TPS-Systeme sind häufig mit älteren Fahrzeugmodellen kompatibel und können daher als (freiwillige) Nachrüstlösung dienen. Die Bedienung erfolgt in der Regel über das angeschlossene Infotainmentsystem.

Während das “normale” eCall-System direkt mit den öffentlichen Notrufzentralen kommuniziert, gehen die Notrufe bei TPS-eCall-Systemen zunächst an eine private Notrufzentrale des Anbieters. Diese entscheidet dann, ob der Notruf an die öffentliche Notrufzentrale weitergeleitet wird.  Aus diesem Grund kann es länger dauern, bis die Rettungskräfte alarmiert sind.

Einige private Notrufsysteme bieten zusätzliche (meist kostenpflichtige) Services wie Pannenhilfe, Fahrzeugortung bei Diebstahl oder weitere Assistenzdienste an.

eCall – der stille Lebensretter im Auto

Die Technik schreitet voran, aber eines bleibt gleich: der Wert eines Menschenlebens. Das automatische Notrufsystem eCall ermöglicht uns, in kritischen Momenten schnell zu reagieren und Leben zu retten. Denn: Jeder von uns kann in eine Gefahrensituation geraten, sei es als Fahrer oder Mitfahrer. Dank eCall können Sie sicher sein, dass Sie im Notfall nicht allein gelassen werden.




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